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Auschwitz-Überlebende Eva Mozes vergibt Lagerarzt Mengele

Holocaust-Überlende Eva Mozes meldet sich zu Wort

Das schockierende Video der Holocaust-Überlebenden Eva Mozes Kor wurde seit Veröffentlichung Mitte September auf YouTube über 3 Millionen Mal angesehen. Sie und ihre Schwester wurden im Namen der „Zwillingsforschung“ von Josef Mengele missbraucht.

Im Mai 1944 wurde die damals 10-jährige Eva Mozes zusammen mit ihrer Familie aus dem kleinen Dorf Portz in Transsilvanien (Rumänien) in das „Zigeunerlager“ Auschwitz deportiert. Kaum angekommen, wurden Eva und ihre Zwillingsschwester Miriam von ihren Eltern und den beiden anderen Geschwistern getrennt. Miriam und Eva überleben das Konzentrationslager nur dank des Umstandes, Zwillinge zu sein. Die Zwillingsschwester Miriam Mozes Kor verstarb am 6. Juni 1993.

Trotz der Gräueltaten der Nazis vergibt die 83-Jährige Eva Mozes Kor ihren Nazi-Peinigern anlässlich des 50. Jahrestag der Befreiung (27.01.2015) von Auschwitz:

„Ich vergebe Mengele und allen anderen Ärzten, welche die grausamen Experimente an mir und meiner Zwillingsschwester durchgeführt haben. Ich vergebe ihnen, dass sie meine Eltern und den Rest meiner Familie getötet haben… und dass sie mir meine Jugend geraubt haben. Ich vergebe ihnen, dass sie mein Leben zur Hölle gemacht haben und ich seit 60 Jahren jede Nacht von Alpträume geplagt werde…“

Nachdem der Untertitel im Video nur in Englisch angezeigt wird, haben wir den gesprochenen Text von Eva Mozes Kor übersetzt. Wir sind der Meinung, dass dieser Text verstanden werden muss:

Übersetzung des Textes von Eva Mozes Kor

Ich wurde 1934 als Teil eines Zwillingspaars geboren.

Miriam und ich waren die Dritt- und Viertgeborenen in unserer Familie.

Wir lebten in einem kleinen Dorf in Rumänien.

Wir wurden vom Viehwagen hinunter gehievt.

Die Leute wurden entweder zum Leben oder zum Sterben ausgewählt.

Alle weinten, drängelten, schubsten. Hunde bellten.

Ich versuchte, den Sinn von diesem Ort zu verstehen.

Ich drehte mich immer wieder um und fragte mich: „Was ist das für ein Ort?“.

Denn ich hatte noch nie so etwas gesehen.

Und als ich mich umdrehte, bemerkte ich, dass mein Vater und meine zwei älteren Schwestern verschwunden waren.

Ich habe sie nie mehr gesehen.

Wir haben uns an unserer Mutter festgeklammert.

Ein Nazi rannte in der Mitte des Platzes herum und rief auf Deutsch: „Zwillinge, Zwillinge!“

Er wollte von uns wissen, ob wir Zwillinge sind.

Meine Mutter fragte: „Ist das gut?“ Und der Nazi sagte: „Ja.“

Meine Mutter bejahte ebenfalls. In dem Moment kam ein anderer Nazi-Teufel.

Er schob meine Mutter nach rechts; uns nach links. Wir weinten alle.

Alles, woran ich mich noch erinnern kann, war meine Mutter, die ihre Arme in der Verzweiflung ausstreckte, als sie von uns weggezogen wurde.

Ich konnte mich nie von ihr verabschieden.

Ich habe nicht realisiert, dass es das letzte Mal sein würde, dass wir uns gesehen haben.

Nach nur 30 Minuten waren wir von unserer ganzen Familie getrennt.

Miriam und ich hatten nur noch uns.

Wir standen da – Hand in Hand- und weinten.

Wir waren „Mengele-Zwillinge“.

Was das bedeutete, fanden wir später heraus.

Mengele kam jeden Morgen und zählte uns.

Er wollte wissen, wie viele Versuchskaninchen er noch hatte.

Ich wurde für zwei Arten von Experimenten missbraucht.

Am Montag, Mittwoch und am Freitag wurde ich nackt in einen Raum mit meiner Schwester und anderen Zwillingen gebracht.

Bis zu acht Stunden am Tag wurde jeder Teil unseres Körpers ausgemessen.

Dann wurden unsere Resultate mit Tabellen verglichen.

Alternierend wurden wir dienstags, donnerstags und samstags in ein Blutlabor gebracht.

Dort wurden meine beiden Arme zusammengebunden, um den Blutfluss zu reduzieren.

Dann wurde viel Blut von meinem linken Arm genommen.

In den rechten Arm habe ich im Minimum fünf Injektionen bekommen.

Der Inhalt dieser Injektionen ist mir bis heute nicht bekannt.

Eines Tages bekam ich nach einer dieser Injektionen hohes Fieber.

Die Augustsonne brannte auf meiner Haut.

Ich bekam rote Blasen am Körper, meine Arme und Beine schwollen an.

Das war sehr schmerzhaft.

Beim nächsten Besuch im Blut-Labor wurden nicht meine Arme zusammengebunden; stattdessen hat man mein Fieber gemessen.

Ich wurde sofort ins „Krankenhaus“ gebracht.

Das Krankenhaus war eine andere Baracke

Die Leute dort sahen aus wie lebendige Tote.

Am nächsten Tag kam Mengele mit vier anderen Ärzten.

Sie untersuchten mich nicht.

Sie sahen lediglich meine Fieberkurve an und meinten: „So schade, sie hat nur noch zwei Wochen zu leben.“

Von den nächsten zwei Wochen habe ich nur noch vage Erinnerungen.

Ich krabbelte auf dem Boden der Baracke herum, weil ich nicht mehr gehen konnte.

Ich krabbelte, um den Wasserhahn am anderen Ende der Baracke zu erreichen.

Dabei wurde ich ohnmächtig, doch ich sagte mir; „Ich muss überleben.“

Nach zwei Wochen ging mein Fieber runter und ich fühlte mich sofort stärker.

Es ging nochmal drei Wochen bis meine Fieberkurve normal verlief.

Als ich zurückkam, sass Miriam auf dem Bett und starrte in die Ferne.

Als ich sie fragte, was mit ihr passierte sei, sagte sie „Ich kann darüber nicht reden.

Und wir sprachen nicht über Auschwitz – bis 1985.

Ich fragte sie im Jahre 1985, sie erinnerte sich.

Miriam war 24 Stunden am Tag unter der Aufsicht von Nazi-Ärzten, als ich im Krankenhaus lag.

Ihr wurden unzählige Injektionen verabreicht.

Es waren die selben zwei Wochen, in denen mir Mengele sagte, ich würde sterben.

Miriam ging es ebenfalls sehr schlecht.

Später, als sie in Israel heiratete und ihr erstes Kind erwartete, entwickelte sie eine schwere Niereninfektion, die nicht auf Antibiotika reagierte.

Das gleiche bei der zweiten Schwangerschaft 1963.  

Als man sie untersuchte, fand man heraus, dass ihre Nieren so weit entwickelt waren, wie die eines zehnjährigen Kindes.

Ich bat sie, keine weiteren Kinder mehr zu bekommen.

Aber sie hatte noch ein drittes Kind.

Ihre Nierenfunktion fing an, sich zu verschlechtern.

1987 versagten sie ganz.

Ich spendete meiner Schwester eine Niere.

Aber ein Jahr später entwickelte sie Krebs in der Blase.

Die behandelnden Ärzte hörten nicht auf, nach meinen Auschwitzakten zu fragen.

Wir haben unsere Akten nie gefunden.

Wir haben nie herausgefunden, was uns gespritzt wurde.

Miriam starb am 6. Juni 1993.

Wenige Monate später erhielt ich einen Anruf von einem Professoren aus Boston.

Er wollte, dass ich für einen Vortrag noch Boston reise.

Und bei dieser Gelegenheit gleich noch einen „Nazi-Arzt“ mitbringen würde.

Ich war entsetzt!

Dann erinnerte ich mich an das letzte gemeinsame Projekt mit Miriam.

Es war ein Dokumentarfilm über die Mengele-Zwillinge des Deutschen Fernsehens aus dem Jahre 1992.

In dieser TV-Dokumentation war ein Nazidoktor von Auschwitz zu sehen.

Ich dachte mir, dass er noch leben würde und ich fand tatsächlich seine Telefonnummer heraus.

Ich rief ihn an und lud ihn nach Boston ein.

Er sagte, dass er nicht nach Boston kommen wollte, aber bereit wäre, mich in seinem Haus in Deutschland zu treffen.

Ich habe mir vorgenommen, ihm diese Fragen NICHT zu stellen.

Doch als ich ihn dann sah, fragte ich ihn: „waren sie jemals in einer Gaskammer?

Wissen sie, wie die Gaskammer funktionierte?“

Er sagte nur „Mhm. Mhm. Das ist der Albtraum, mit dem ich jeden Tag für den Rest meines Lebens leben muss.“

Dann erklärte er mir den Prozess.

Er war draussen stationiert und musste durch ein Guckloch reinschauen, als sich das Gas verbreitete und die Leute starben.

Wenn sich niemand mehr bewegte, wusste er, dass alle tot waren und er unterschrieb eine Todesurkunde.

Keine Namen. Nur die Anzahl Leute, die umgebracht wurden.

Anlässlich des 50. Jahrestags der Befreiung 1995 fragte ich ihn, ob er mit mir nach Auschwitz kommen würde.

Ich wollte, dass er mir das Gesagte bei den alten Ruinen der Gaskammern untrschrieb.

Er war sofort einverstanden.

Ich würde ein Originaldokument eines Nazis haben.

Falls ich also jemals einen Holocaustleugner treffen würde, könnte ich ihm dieses Dokument in sein Gesicht drücken.

Ich wollte mich bei dem Nazi-Arzt für seinen Willen, dieses Dokument zu unterschreiben, bedanken.

Ich wusste nicht, wie man einem Nazi dankt.

Ich habe es niemanden erzählt, weil es sogar auch für mich komisch klang.

Ich wollte nicht, dass jemand versuchen würde, mich von meiner Meinung abzubringen.

Nach 10 Monaten bin ich eines Morgens aufgewacht.

Die folgende  Idee ist mir in den Sinn gekommen:

Wie wäre es mit einem Brief der Vergebung von mir an Dr. Munch?

Ich wusste, dass er das mögen würde und dass es ein besonderes Geschenk sein würde.

Eine Auschwitz-Überlebende, die einem Nazi-Teufel vergibt.

Doch was ich über mich selbst erfuhr, veränderte fortan mein Leben für immer.

Ich hatte die Kraft, zu vergeben.

Niemand gab mir diese Kraft und niemand konnte sie mir wegnehmen.

 Es war alles in meiner Macht und ich konnte sie nutzen, wie ich wollte.

Das war etwas Interessantes.

Weil ich mich 50 Jahre lang in der Opfer-Rolle sah, hatte ich keine Kontrolle mehr über mein Leben.

Dann begann ich zu schreiben.

Ich brauchte dafür vier Monate.

Ich dachte mir, dass es jemand lesen könnte.

Meine Englischkenntnisse sind zwar gut.

Jedoch fehlt es an der Rechtschreibung.

Deswegen rief ich meine ehemalige Englischprofessorin an.

Ich wollte, dass sie den Brief korrigierte. Wir trafen uns dreimal.

Sie sagte mir: „Eva, das ist sehr nett, dass du diesem Dr. Munch vergeben möchtest.

Aber dein Problem ist nicht  Dr. Munch, dein Problem ist Dr. Mengele.“

Ich war noch nicht bereit, ihm zu vergeben.

Sie sagte mir „Okay. Ich habe mich mit dir getroffen, um deine Briefe zu korrigieren.

Nun möchte ich, dass du mir einen Gefallen tust.

Wenn du heute Abend nach Hause gehst, stell dir vor, Mengele ist im selben Raum und du würdest ihm sagen, dass du ihm vergibst.

Ich möchte herausfinden, wie sich das für dich anfühlen würde, wenn du das tun könntest?“

Eine interessante Idee, ich tat aber etwas Anderes, als ich nach Hause kam.

Ich nahm mir ein Wörterbuch und schrieb 20 Schimpfwörter nieder, die ich klar und laut vorlas – Mengele vorlas.

Und am Ende sagte ichs: „Und trotz allem, vergebe ich dir.“

Das fühlte sich gut an.

Ich, das kleine Versuchskaninchen  hatte Gewalt über den „Todesengel von Auschwitz“,

So kamen wir also in Auschwitz an. Dr. Munch kam mit den Kindern und Enkel-Kindern.

Ich kam mit meinem Sohn und meiner Tochter.

Ich las meine Begnadigung vor.

Ein wirklich gut geschriebenes Dokument, das ich untrzeichnete.

Dr. Munch unterschrieb sein Dokument.

Ich fühlte mich frei.

Frei von Auschwitz und Mengele.

Und jetzt, wo ich ihm vergeben habe, weiss ich, dass mich viele der Überlebenden denunzieren.

Aber was bedeutet meine Vergebung?

Ich mag sie.

Sie ist ein Akt der Selbstheilung, Selbstbefreiung, der Selbststärkung.

Alle Opfer fühlen sich verletzt, hoffnungslos und kraftlos.

Ich möchte alle daran erinnern, dass wir nicht ändern können, was passiert ist.

Das ist der tragische Teil.

Aber wir können die Art und Weise ändern, wie wir damit umgehen….

Quelle: YouTube

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